Shirley Beul-Leusmann

Die telemedizinische Konsultation. Elektronisch vermittelte Konsultationen in der Arztausbildung

Um die Folgen des demographischen Wandels wie steigende Patientenzahlen zu bewältigen, müssen sich die Gesundheitssysteme industrialisierter Staaten verändern. Die schwierigste Herausforderung besteht darin, die flächendeckende medizinische Versorgung trotz Ärztemangel aufrechtzuerhalten. In diesem Kontext gewinnen telemedizinische Dienste zum Zweck der Arzt-Patienten-Kommunikation zunehmend an Bedeutung. Sie überbrücken abhängig von den verwendeten elektronischen Medien räumliche und/oder zeitliche Distanzen zwischen den Interaktanten, reduzieren Fahr- und Wartezeiten für den Patienten und tragen zur Optimierung der Ressourcenallokation von Ärzten bei. Aus den genannten  Vorzügen bietet sich eine Einbettung dieser Dienste in intelligente Wohnumgebungen (Ambient Assisted Living) an, in denen sie mit medizintechnischer Monitoringtechnologie verknüpft werden, um chronisch-kranke Bewohner in ihrer alltäglichen Auseinandersetzung mit ihrer Krankheit zu unterstützen.

Diese Dissertation befasst sich mit der Erforschung telemedizinischer Konsultationsdienste unter Nutzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologie. Folgendes Szenario liegt der Arbeit zugrunde: Zwischen der Arbeitsstätte eines Arztes und der häuslichen Wohnumgebung einer Patientin besteht eine räumliche Entfernung, die mittels eines virtuellen Kommunikationskanals überbrückt wird. Die Patientin ist chronisch-krank, Expertin im Umgang mit ihrer Krankheit und muss regelmäßig ihren Arzt zur Überprüfung ihres Gesundheitszustands konsultieren. Sie verfügt über einen herkömmlichen Bildschirmarbeitsplatz, bestehend aus Computermonitor, Web-Cam mit Mikrofon und Lautsprechern. Der Arzt ist nicht ihr regulärer Hausarzt, sondern eine Urlaubsvertretung via telemedizinischem Konsultationsdienst. Der Arzt befindet sich in einer Telearztzentrale, wo ihm neuartige Informations- und Kommunikationstechnologie zur Verfügung steht. Herzstück der Einrichtung ist ein wandgroßes Multitouchdisplay, eine sogenannte Interaktionswand, über die er Videokonferenzen ausführt.

Die zentrale Forschungsaufgabe dieser Dissertation besteht darin zu ermitteln, worin sich die telemedizinische Konsultation von dem face-to-face-Gespräch zwischen (unbekanntem) Arzt und Patientin unterscheidet. Der Fokus liegt dabei auf der Arztperspektive: Es wird ermittelt, wie der Arzt mit dem Patienten interagiert, welche sprachlich-kommunikativen Strategien er situations- und gegenstandsabhängig nutzt und wie störanfällig diese Kommunikation ist. Ferner werden Hinweise auf den Einfluss der Zukunftstechnologie Interaktionswand auf die Interaktion gesammelt.

Verwendete Erhebungsmethoden zur Beantwortung dieser Forschungsfragen sind die Simulation einer telemedizinischen Konsultation mit Ärzten und Schauspielerpatienten sowie retrospektiven Interviews mit teilnehmenden Ärzten. Die Datenauswertung der Simulationsstudie erfolgt gesprächsanalytisch; die der Interviews mittels qualitativer Inhaltsanalyse.

Zielsetzung ist die Erarbeitung eines Anforderungskatalogs für die erfolgreiche Durchführung telemedizinischer Konsultationen, der für die Arztausbildung genutzt werden soll.